Das Wichtigste in Kürze

Pilotversuch in Walenstadt
Im Quartier Schwemmiweg in Walenstadt haben sich 37 Parteien zu einem lokalen Strommarkt zusammengeschlossen. 28 Teilnehmende haben eine eigene Solarstromanlage, neun sind reine Konsumente, darunter ein Alters- und Pflegeheim. Alle Anlagen zusammen verfügen über eine Leistung von 290 kW und liefern jährlich rund 300 000 kWh Strom. Der Strombedarf der ganzen Community bewegt sich um 250 000 kWh.

Mehrere Stromspeicher werden als flexible Puffer Teil des lokalen Markts sein und virtuell binden die Projektpartner eine Schnelladestation für Elektroautos ein, die ausserhalb des Quartiers installiert ist.

Der lokale Netzbetreiber und Stromversorger, das Wasser- und Elektrizitätswerk Walenstadt (WEW) stellt sein Verteilnetz für den Pilotversuch zur Verfügung. Die Netznutzungsgebühren werden nach einem «Bottom-up-Verfahren» erhoben: Dabei wird zwischen lokal gehandeltem Solarstrom und Strom, der von ausserhalb der Gemeinschaft bezogen wird, unterschieden. Für den Handel innerhalb der Gemeinschaft wird die Netzinfrastruktur weniger beansprucht, darum fallen tiefere Gebühren an. Die Schweizer Gesetzgebung sieht jedoch derzeit keine solchen Preisabstufungen vor. Um dieses Bottom-up-Kostenmodell zu testen, werden die Netzentgelte für die höheren Netzebenen vom Projektbudget gedeckt.Das WEW nimmt ebenfalls am lokalen Strommarkt teil, kauft überschüssigen Solarstrom und liefert Netzstrom, wenn im Quartier Schwemmiweg zu wenig produziert wird.

Der lokale Strommarkt hat Anfang Januar 2019 den Betrieb aufgenommen und soll ein Jahr lang bestehen bleiben.

Beobachten Sie in Echtzeit, wie viel Solarstrom die Gemeinschaft produziert, wie viel vor Ort verbraucht wird und wie weit sich die Quartierstrom-Gemeinschaft autark versorgt.

Vorteil für Produzenten und Konsumenten
In einem lokalen Markt soll möglichst viel Strom vor Ort verbraucht werden. Damit fallen für die Bezüger deutlich tiefere Netzkosten an, als wenn Strom von weiter her bezogen wird. Die Stromkosten sind tendenziell tiefer als beim Stromversorger. Gemeinsam mit dem WEW wird dazu ein Bottom-Up-Netztarif entwickelt, der den lokalen Austausch von Energie begünstigt. Auch für die Produzenten von Solarstrom ist der Verkauf an die Nachbarn lukrativ. Denn die Vergütung von Solarstrom innerhalb der Gemeinschaft ist höher als die Einspeisevergütung des Stromversorgers.

Steuerung über ein Web-Portal
Über ein Web-Portal können die teilnehmenden Haushalte ihre individuellen Präferenzen für den Kauf und den Verkauf angeben: Betreiber von Solaranlagen bestimmen, zu welchen Bedingungen sie den überschüssigen Solarstrom im Quartier abgeben wollen. Die Stromkonsumenten legen umgekehrt fest, bis zu welchem Preis sie Strom aus dem Quartier beziehen wollen.

Über die Technik hinaus
Neben der Entwicklung der Technik beschäftigt sich das Projektteam mit folgenden Fragen:

  • Hat das Konzept Zukunft? Ist es mit den richtigen Rahmenbedingungen ökonomisch und ökologisch sinnvoll, dass sich Haushalte in einer Gemeinschaft zu einem massgeblichen Anteil selber mit Strom versorgen?
  • Ist eine Blockchain geeignet, um die Transaktionen in einem lokalen Strommarkt abzuwickeln? Welche Technologien sollen eingesetzt werden?
  • Wie verhalten sich die Nutzer? Welches sind ihre Bedürfnisse? Wie steht es um die Akzeptanz solche Konzepte?
  • Wie müssen die Geschäftsmodelle gestaltet werden?

Das innovative Pilotprojekt wird von Hochschulen und verschiedenen Unternehmen zusammen mit dem WEW umgesetzt und vom Bundesamt für Energie BFE im Rahmen des Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmprogramms unterstützt.

Sandro Schopfer, Projektleiter, Bits to Energy Lab, ETH Zürich

«Das Ganze ist grösser als die Summe seiner Teile: Communities aus Prosumenten und Konsumenten sind wirtschaftlich und ökologisch gesehen effizienter als einzelne Haushalte. Eine solche Community zu bauen ist eine interdisziplinäre Aufgabe, welche wir zusammen mit dem EW Walenstadt zum ersten Mal umsetzen.»

Christian Dürr, Geschäftsleiter Wasser- und Elektrizitätswerk Walenstadt

«Mit dem Quartierstromprojekt wollen wir die Stromlogistik verkürzen und einen Teil der ersparten Logistikkosten jenen zukommen lassen, die in Photovoltaikanlagen und Speichersysteme investieren. Damit soll ein lokaler Markt entstehen wie wir ihn von anderen Branchen her kennen – einzig die Abwicklung über die Blockchain ist dann noch neuartig.»

Das Projekt „Quartierstrom“ wird im Rahmen des Pilot-, Demonstrations- und Leuchtturmprogramms vom Bundesamt für Energie BFE unterstützt.